Hool von Phillip Winkler – Rezension

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Auf den ersten Seiten von Philipp Winklers Debütroman hatte ich mich noch gefragt ob ich das wohl durchhalten würde. Eintauchen in Welten die einem fremd sind ist super, eintauchen in Welten die man mit der Kneifzange nicht anfassen mag ist eher verstörend. Vor allem wenn man – so wie bei Winklers ‘Hool’ – nicht mit würdigem Abstand am Zaun steht, sondern so ab Seite 50 plötzlich mitbekommt dass man sich an irgendeinem Punkt unbemerkt verbrüdert hat mit denen die drinstecken in dieser testosterontriefenden Trostlosigkeit, diesem Zweituniversum das irgendwo zwischen organisiertem Prügelrausch, vollgekotzten Fussballtrikots und Kaffee und Kuchen pünktlich um 4 seine Koordinaten hat.

Heiko, der Ich-Erzähler, gehört zu einer Gruppe Hooligans des Fußballvereins Hannover 96. Seine Familie, bestehend aus einer Mutter die vor Jahren abgehauen ist, seiner Schwester die verzweifelt um ein Zipfelchen kleinbürgerliche Normalität ringt und seinem Vater der Alkoholiker ist und ständig aus der Reha ausbüxt, ist nicht wirklich ein Hort des Rückhalts oder der Freude. Die Freunde aus der Szene sind ein Art Ersatzfamilie, das nächste anstehende Match die Motivation aus dem Bett aufzustehen. Was von aussen wie Anarchie aussehen mag, ist von innen streng reglementiert. Blutrausch mit festen Regeln. Ort und Zeit sind abgesprochen, wer schon im Dreck liegt wird in Ruhe gelassen.

Ich kenne nicht viele Heikos und wenn dann ist mein Urteil wahrscheinlich bereits parat. Seins aber auch:

Allein bei ihrem Anblick kriege ich das kalte Kotzen. Jack-Wolfskin-Jacken. Stoffhosen und atmungsaktive Ü30-Turnschuhe. Ich gebe ja nicht viel auf Äußerlichkeiten, aber es ist die Verbindung dieser, ja, Uniform kann man fast sagen, und dem, was solche Vögel für ’nen verbalen Dünnschiss verzapfen”.

Während ich lese nicke ich solidarisch, erst später bemerkend dass das wahrscheinlich genauso gut mich meinen könnte. Die Überführung der Perspektive gelingt Winkler gut, und dass sie ihm so gut gelingt liegt daran dass Heiko als Charakter zunehmend komplexer wird, liebenswert und abstoßend zugleich. Zunehmend empathisch lese ich diesen Text, ohne dass er meiner Meinung nach in Sozialromantik abdriftet.
Die Sprache Winklers flackert ein wenig zwischen Fäkaljargon und literarisch-poetisch Beschreibendem. Manchmal irritiert das beim Lesen, so als wäre ein Ton schief, manchmal nimmt man es fast ohne aufzuhorchen hin. Einige Male führt der Kontrast zwischen den Extremen zu einer Art schiefen Schönheit.

Heikos ohnehin schon nicht heile Welt geht im Lauf des Romans noch weiter aus den Fugen. Die Ersatzfamilie auch, und Heiko strudelt abwärts, in einer seltsamen Mischung aus Lethargie und Zerstörungswut.

Und dann sind da die Tiere. Das Haus in dem Heiko ein Zimmer hat, gehört Arnim, einem ziemlich heruntergekommenen Typen, der illegale Hundekämpfe organisiert und sein Haus in der ländlichen Einöde dafür zum schalldichten Bunker umgebaut hat. Statt Miete zu zahlen muss sich Heiko gelegentlich um die zwei scharfen Hunde kümmern, immer vorsichtig darauf bedacht nicht selbst zum Futter zu werden. Die Hunde leben auf kleinstem Raum, was sinnvoll ist um die Aggression nutzbringend zu steigern. Das Gegenstück dazu ist Siegfried der Geier, eingepfercht in eine dunkle Kammer in der er stoisch sitzt und nur gelegentlich noch ein bisschen Kampfeswille demonstriert, mit aller Wahrscheinlichkeit das Fliegen aber verlernt hat. Ist ihre Welt zu klein werden Tiere oft aggressiv oder gehen ein. Den Menschen geht es wahrscheinlich nicht anders.

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Das zerstörte Leben des Wes Trench von Tom Cooper – Rezension

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Das Leben in Jeanette, einem Fischerdorf im Bundesstaat Louisiana, ist kein Waldspaziergang. Wirtschaftlich und ökonomisch ist die Region, deren Bewohner einst gut vom Shrimps-fischen lebten, nach  Hurrikan Katrina und der, durch den Brand der Bohrinsel Deepwater Horizons verursachten Ölpest, am Boden. Den Charakteren in Tom Coopers Debütroman bleibt nichts weiter übrig als kreativ zu werden um weiter für ihr Auskommen zu sorgen. Und kreativ werden sie, wenn auch einige mit mehr kriminellem Talent als andere.
Da wäre zum einen Gus Lindquist, ein einarmiger, ständig Pillen schluckender Fischer, dem in einem der ersten Kapitel des Buches seine teure Armprothese abhanden kommt und der besessen ist vom Gedanken das verlorene Gold des legendären Piraten Jean Lafitte zu finden.
Da wären Reginald und Victor Toup, zwei zwielichtige Brüder die eine Marihuana-Plantage betreiben, deren Ertrag ohne weiteres den gesamten Bundesstaat Louisiana für mehrere Wochen in Rausch versetzen könnte. Und dann gibt es da noch Cosgrove und Hanson, ein weiteres geschäftstüchtiges Duo im kriminellen Sektor, sowie Grimes, eine traurige Gestalt und Angestellter der Ölfirma, der in seinem ehemaligen Heimatdorf mit schlechten Deals als Kompensation für die Ölpest hausieren geht, um weitere Klagen abzuwenden.
All diese Figuren teilen das Buch episodisch unter sich auf und mehr und mehr wird dem Leser klar, dass diese einzelnen Stränge kollidieren werden. Und dass das nicht schön werden wird.

Schlagendes Herz des Romans ist allerdings die titelgebende Figur: Wes Trench. Gerade siebzehn und mit dem Wunsch sich unabhängig zu machen von seinem Vater, mit dem er Clinch liegt seit seine Mutter durch den Hurrikan ums Leben kam, ist er getrieben vom Wunsch nach seinem ersten eigenen Boot. Nach einem Streit mit seinem Vater heuert er bei Lindquist an, und wird so mit hineingezogen und die wüsten Verstrickungen in die einzelnen Plotstränge treiben.
Wes ist der Lichtblick in diesem oft tiefschwarzen Sumpf aus Verbrechen, Gewalt, Missgunst und Abhängigkeit. Durch diese verletzte, verletzliche und doch auch hoffnungsvolle Figur hat Tom Cooper klug ein Gleichgewicht hergestellt.

Manches in diesem Roman liest sich wie eine Hommage an die Gattung des Hardboiled Krimis. Vieles ist tragikomisch, auch wenn einem das Lachen mitunter im Halse stecken bleibt.

Ein sehr lesenswerter Roman der, trotz seiner ausgesprochen neutralen Erzählhaltung auch ein zutiefst empathischer ist.

mit Dank an den Ullstein Verlag und NetGalley DE für das Leseexemplar

Wo ich wohne

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DURCH UND DURCH
Ilse Aichinger

Wir sind alle
nur für kurz hier eingefädelt,
aber das Öhr
hält man uns seither fern,
uns Kamelen.

Dokumentarfilm von Christine Nagel, die bereits das großartige Hörspiel Nach dem Verschwinden. Ein fiktiver Dialog mit Ilse Aichinger schrieb, welches im Juni 2014 von der Akademie der Darstellenden Künste zum Hörspiel des Monats gekürt wurde und für den ARD Online Award 2014 nominiert war.

Manresa

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Johan Tahon Manresa (Holes) 2014-15, 30 x 43 x 70 cm, Glazed ceramic

“Ich nehme das Denken zurück, dachte er und warf einen letzten Blick hinter sich, ich meinesteils nehme alle freien und klaren Gedanken als eine tödliche Torheit zurück, ich verweigere die weitere Benutzung der Vernunft und beschränke mich fortan auf die unaussprechliche Freude des Verzichts – konzentriere mich ganz darauf, zu sein: in Stille endlich, fehlerfrei, ohne Aktivität; dann drückte er die Klinke nieder, trat ein und verschloß die Tür.“

László Krasznahorkai “Melancholie des Widerstands”, übersetzt von  Hans Skirecki

Notizsammlung zu Pascal’s Pensees, Tag III

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Rivane Neuenschwander

“Sie haben einen geheimen Trieb, der sie bewegt, äußerliche Zerstreuung und Beschäftigung zu suchen, und der aus dem Gefühl ihres beständigen Elends erwächst. Und sie haben einen weiteren geheimen Trieb, der von der Größe unserer ursprünglichen Natur übriggeblieben ist und der sie erkennen läßt, daß das Glück tatsächlich nur in der Ruhe und nicht im Tumult liegt. Und aus diesen beiden entgegengesetzten Trieben bildet sich in ihnen ein verworrener Vorsatz, der sich vor ihren Blicken am Grunde ihrer Seele verbirgt und der sie bewegt, nach Ruhe durch Geschäftigkeit zu streben und sich stets vorzustellen, daß sie die Zufriedenheit, die sie nicht im mindesten haben, erreichen werden, wenn sie erst einige klar erkennbare Schwierigkeiten überwunden haben und sich dadurch das Tor zur Ruhe öffnen können.”

Theorie des Schönen

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“Etwas Schönes, das in der Ferne aufscheint, immer in der Ferne, zu dem hin man sich werfen möchte und das sich doch, je näher man heranzutreten meint, desto weiter entzieht. Als erzeuge der Sehvorgang bereits einen festgelegten Abstand, der nicht zu überbrücken ist. Als würfe der Blick die Dinge aus uns heraus und mache sie mit ihrem Erscheinen zugleich unerreichbar…”

Marion Poschmann “Die Sonnenposition”

Timm Ulrichs – “The End”

Regen

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“Die Ruhe des Regens mit der eigenen Unruhe nähren. Sich in seinem Glitzern verstecken. Sich mit diesem unsteten Glanz durch ein quecksilbriges Denken, huschende Bewegungen zur Deckung bringen.”

Marion Poschmann ” Die Sonnenposition”

Henri Cartier-Bresson – Alberto Giacometti, Rue d’Alesia, Paris, 1961

Staub

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Arturo Hernández Alcázar
there will be dust / habrá polvo aquí

“Die Bilder zumindest scheinen stabil zu bleiben und geben auch uns ein Gefühl von Stabilität, als verändere sich nichts, als sei die Gegenwart bereits die Ewigkeit, und als gleite die Zeit wie ein dünner Wasserstrom säuselnd über die Körper, als sei die Zeit den Körpern ein Reinigungsritual, das ihren Zustand unversehrt bewahrt, ja auffrischt, und nicht etwas, das sie permanent durchdringt, sich in ihnen ablagert, sie deformiert, umformt und auflöst, den Kaninchenkörper, der an den Hinterläufen hängt, den runden funkelnden Leib der Orange zwischen den Gläsern, den Körper des Kochs, der mit neckischem Kopfneigen ein Tablett präsentiert, verdreht und gebeugt auf Würdigung wartet. Als sei solches Warten die vordringliche Maßnahme in einer Zeit, die den Körper bildet und ausformt, ein Warten auf die Zukunft, in der dieser Körper endlich seinen Platz einnehmen wird, ein Warten auf den schmalen, feuchten Ort, wo er zur Ruhe kommt.”

Marion Poschmann “Die Sonnenposition”

eine reine form von blau

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George Tice – Tree, Swings and Windows, Lancaster, Pennsylvania, 1964

park • das licht
Axel Görlach

dort ruhte die schwermut der stadt
unter judasbäumen, ihr angerissener schatten

sickerte ins gras & was von ihm übrig blieb,
sangen die spatzen aufs dach des pavillons

ein regen aus jasmin wehte ein mädchen weg
über den weißen kiesweg ins halbdunkle

einer zeder, die allein stand wie alter gesang

lutscherdreher, luftballons trugen ihre farben
den hügel hinauf – hier war das licht
eine reine form von blau, wir hielten stille

in unseren händen, die umschlug in wind,
die wärme verrosteter schaukeln, schwerelos

strichen schwarzstörche über das gestrüpp,
in dem ein brunnen unterging
& ließen ihr dunkles leuchten zurück

auf den rändern staubiger schalen