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Winkler-Hool-20

 

Auf den ersten Seiten von Philipp Winklers Debütroman hatte ich mich noch gefragt ob ich das wohl durchhalten würde. Eintauchen in Welten die einem fremd sind ist super, eintauchen in Welten die man mit der Kneifzange nicht anfassen mag ist eher verstörend. Vor allem wenn man – so wie bei Winklers ‘Hool’ – nicht mit würdigem Abstand am Zaun steht, sondern so ab Seite 50 plötzlich mitbekommt dass man sich an irgendeinem Punkt unbemerkt verbrüdert hat mit denen die drinstecken in dieser testosterontriefenden Trostlosigkeit, diesem Zweituniversum das irgendwo zwischen organisiertem Prügelrausch, vollgekotzten Fussballtrikots und Kaffee und Kuchen pünktlich um 4 seine Koordinaten hat.

Heiko, der Ich-Erzähler, gehört zu einer Gruppe Hooligans des Fußballvereins Hannover 96. Seine Familie, bestehend aus einer Mutter die vor Jahren abgehauen ist, seiner Schwester die verzweifelt um ein Zipfelchen kleinbürgerliche Normalität ringt und seinem Vater der Alkoholiker ist und ständig aus der Reha ausbüxt, ist nicht wirklich ein Hort des Rückhalts oder der Freude. Die Freunde aus der Szene sind ein Art Ersatzfamilie, das nächste anstehende Match die Motivation aus dem Bett aufzustehen. Was von aussen wie Anarchie aussehen mag, ist von innen streng reglementiert. Blutrausch mit festen Regeln. Ort und Zeit sind abgesprochen, wer schon im Dreck liegt wird in Ruhe gelassen.

Ich kenne nicht viele Heikos und wenn dann ist mein Urteil wahrscheinlich bereits parat. Seins aber auch:

Allein bei ihrem Anblick kriege ich das kalte Kotzen. Jack-Wolfskin-Jacken. Stoffhosen und atmungsaktive Ü30-Turnschuhe. Ich gebe ja nicht viel auf Äußerlichkeiten, aber es ist die Verbindung dieser, ja, Uniform kann man fast sagen, und dem, was solche Vögel für ’nen verbalen Dünnschiss verzapfen”.

Während ich lese nicke ich solidarisch, erst später bemerkend dass das wahrscheinlich genauso gut mich meinen könnte. Die Überführung der Perspektive gelingt Winkler gut, und dass sie ihm so gut gelingt liegt daran dass Heiko als Charakter zunehmend komplexer wird, liebenswert und abstoßend zugleich. Zunehmend empathisch lese ich diesen Text, ohne dass er meiner Meinung nach in Sozialromantik abdriftet.
Die Sprache Winklers flackert ein wenig zwischen Fäkaljargon und literarisch-poetisch Beschreibendem. Manchmal irritiert das beim Lesen, so als wäre ein Ton schief, manchmal nimmt man es fast ohne aufzuhorchen hin. Einige Male führt der Kontrast zwischen den Extremen zu einer Art schiefen Schönheit.

Heikos ohnehin schon nicht heile Welt geht im Lauf des Romans noch weiter aus den Fugen. Die Ersatzfamilie auch, und Heiko strudelt abwärts, in einer seltsamen Mischung aus Lethargie und Zerstörungswut.

Und dann sind da die Tiere. Das Haus in dem Heiko ein Zimmer hat, gehört Arnim, einem ziemlich heruntergekommenen Typen, der illegale Hundekämpfe organisiert und sein Haus in der ländlichen Einöde dafür zum schalldichten Bunker umgebaut hat. Statt Miete zu zahlen muss sich Heiko gelegentlich um die zwei scharfen Hunde kümmern, immer vorsichtig darauf bedacht nicht selbst zum Futter zu werden. Die Hunde leben auf kleinstem Raum, was sinnvoll ist um die Aggression nutzbringend zu steigern. Das Gegenstück dazu ist Siegfried der Geier, eingepfercht in eine dunkle Kammer in der er stoisch sitzt und nur gelegentlich noch ein bisschen Kampfeswille demonstriert, mit aller Wahrscheinlichkeit das Fliegen aber verlernt hat. Ist ihre Welt zu klein werden Tiere oft aggressiv oder gehen ein. Den Menschen geht es wahrscheinlich nicht anders.

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