Ach Haut

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Tebe Interesno

Trauer
Inger Christensen

Finde den konzisen
ausdruck für trauer:
eine waldschnecke mit schleim
und dem reflexmechanismus
in sinnloser ordnung,
rechtzeitig ist der fühler
draußen, rechtzeitig
wieder eingezogen,
und im körper drinnen
präzise benutzt
wie eine schwangre sirene,
deren fallender ton
fällt und fällt
hinab durch allen
organismus.
Ach haut
Mein äußerster
radarschirm

aus dem Dänischen von Hanns Grössel

Trakl im Herbst

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5

“5” von Emma McNally, 100cm x140cm, Graphit auf Papier

Ruh und Schweigen

Georg Trakl

Hirten begruben die Sonne im kahlen Wald.
Ein Fischer zog
In härenem Netz den Mond aus frierendem Weiher.

In blauem Kristall
Wohnt der bleiche Mensch, die Wang’ an seine Sterne gelehnt;
Oder er neigt das Haupt in purpurnem Schlaf.

Doch immer rührt der schwarze Flug der Vögel
Den Schauenden, das Heilige blauer Blumen,
Denkt die nahe Stille Vergessenes, erloschene Engel.

Wieder nachtet die Stirne in mondenem Gestein;
Ein strahlender Jüngling
Erscheint die Schwester in Herbst und schwarzer Verwesung.

Notizsammlung zu Pascals Pensées, Tag I

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“Die geringste Bewegung ist bedeutsam für die ganze Natur, das ganze Meer wandelt sich um eines Steines willen.”

Kōji Enokura, Symptom—Sea-Body

 

Das ist unser wahrer Zustand. (…) Wir treiben auf einer weiten Mitte, immer unsicher und schwankend,  von einem Ende zum anderen gestoßen; jeglicher Grenzpunkt, an den wir uns klammern und festhalten wollten, gerät ins Wanken und entschlüpft uns, und wenn wir ihn verfolgen, entzieht er sich unserem Zugriff, er entgleitet uns und wendet sich zu ewiger Flucht; nichts steht für uns still. Das ist unser natürlicher Zustand, der gleichwohl unserer Neigung am meisten widerspricht. Wir brennen vor Verlangen, einen festen Halt und eine letzte, beständige Grundlage zu finden, um darauf einen Turm zu errichten, der sich bis zum Unendlichen erheben soll, aber unser ganzes Fundament kracht auseinander, und die Erde tut sich bis in die Tiefen auf.

Von Köpfen und Rümpfen

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Vielleicht verhält es sich ja so, wie kürzlich erwogen wurde – dass nämlich das Gehirn eine Bestätigung braucht, ob wir noch am Leben sind, bevor es sich der Mühe unterzieht, wach und bei Bewusstsein zu bleiben.

António Damásio aus “Descartes’ Irrtum”

Henri Cartier-Bresson

‘Kruso’ von Lutz Seiler – Rezension

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Manchmal wartet man auf ein Buch und weiß es selber nicht, bis es eben da ist. Dieser Gedanke schlich sich an irgendwann  in der Mitte dieses Wunder-Romans, in dem sich ein Stück Zeitgeschichte und die Abenteuergeschichten der Kindheit verweben – der vor literarischen Anspielungen nur so strotzt und doch nie prahlt.

Hiddensee im Sommer ’89.  Zu DDR – Zeiten war die Insel eine Art Auffangbecken für Andersdenkene, Rückzugsort vor ideologischer Bevormundung.  Allerdings war sie auch Sprungbrett für Menschen denen temporärer Rückzug nicht mehr genügte und die versuchten übers Meer nach Dänemark zu gelangen. Viele blieben dabei auf der Strecke –  anonyme Tote angeschwemmt an der dänischen Küste irgendwann.
Edgar Bendler, Literaturstudent,  kommt nach Hiddensee als Flüchtling vorm eigenen Leben und landet da, wo die meisten Inselgestrandeten landen in Seilers Roman. Beim Klausner, einer Gastwirtschaft das zum Refugium für Schiffbrüchige aller Art geworden ist. Dort findet er Zuflucht am Klausner’schen  Spülbecken und bei Kruso, genauer: Alexander Krusowitsch, Sohn eines Generals und einer Zirkusartistin. Ein Bär von Mann, der Gedichte schreibt und eigentlicher Schiffsmotor der Enklave ist.  Und dort beginnt sie, die Vernetzung von Abenteuerroman und Zeitdokument, das teilweise anmutet wie eine Traumskizze.  Lutz Seiler lässt diese Gastwirtschaft zu einer surrealen Schiffsbesatzung werden. Ed wird zu Freitag, der die Gestrandeten mitversorgt, denn diese wollen einquartiert und mithilfe eigenartig anmutender Rituale initiiert und befreit werden. Der Klausner will Alternative sein zu der Freiheit über dem Meer. Ein Ort nach innen Emigrierter.

Es gibt diese wunderbare Stelle im Buch (es gibt tausende wunderbarer Stellen im Buch), in der Kruso laut darüber nachdenkt anzubauen, um mehr Menschen verstecken zu können: “Bis niemand mehr da ist, dort drüben.” Währenddessen läuft ein Land auf den Fall seiner Grenzen zu. Und einzig Viola – das mannschaftseigene Radio – gibt gelegentlich Kunde von den Entwicklungen im Land.
In Seilers Roman ist das politische Geschehen auf dem Festland nur Hintergrundrauschen und doch durchtränkt es jede Faser des Romans und seiner Gestalten.

Ewig Mitreisende auf Seilers Schiff: die Toten. Edgars Freundin G., Kruso’s Schwester, unzählige Namenlose:  Sie treiben mit im Geschehen des Romans und bestimmen seinen Lauf. Seiler schreibt Ihnen einen  berührenden Epilog.

Lutz Seiler, dessen eigene Biographie an vielen Stellen der Edgar Bendlers auffällig ähnelt, ist von Haus aus Lyriker. So verwundert es wenig, dass diese Geschichte immer wieder auch handelt von Gedichten und Dichtern, allen voran Georg Trakl, dessen Lyrik Ed im Kopf trägt, als Schutz und Munition gleichermaßen. Alles sei Poesie, so oder so ähnlich äußert sich Kruso einmal im Roman. Man hört Seiler seine an der Lyrik geschulte Sprache an – im bestmöglichen Sinne.
Diese Sprache macht, das man auf eigenartige Weise entschleunigt. Selten habe ich so bedächtig gelesen, so als würde ich jedes Wort einzeln vom Blatt aufheben wollen.

Dieser Roman ist ein Glück, dem man nicht genug Leser wünschen kann.

Mit Dank an den Suhrkamp Verlag für das Leseexemplar.

Lutz Seiler: Kruso. Roman
Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, ISBN 9783518424476, Gebunden, 484 Seiten

for the English readers among you: here is the English link by the publisher

‘Vielen Dank für das Leben’ von Sibylle Berg – Rezension

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“Sommer 1966. Toto kommt auf die Welt. Er hat kein klares Geschlecht; im Suff gezeugt, der Vater schon vor der Geburt abhanden gekommen, die Mutter bald danach, das Waisenhaus ein Straflager. Toto aber bleibt wie unberührt und fragt sich, warum die Menschen dieses Leben noch schrecklicher machen, als es sowieso schon ist. Dann geht er über die Grenze, doch was der Sozialismus verrotten ließ, zerstört der Kapitalismus aktiv. Nur eines gibt Hoffnung: Toto kann singen. Sibylle Berg erzählt die große Geschichte eines Menschen, der der Welt durch die Reinheit seines Wesens zeigt, wie weit es mit ihr gekommen ist.” (Klappentext)

Trostlos geht es meist zu in Sibylle Bergs Romanen, ein Arsenal an vom Leben recht verkrüppelten, teil- oder totalentseelten Personen spaziert durch ihre Erzählungen und den Humor den diese versprühen ist so beißend als hätte man beherzt an einer Ammoniak-Flasche geschnüffelt. Erbauungsliteratur geht anders.
‘Vielen Dank für das Leben’ macht keine Ausnahme von dieser Regel.

Eine Ausnahme, wenn auch eine ganz subjektive, gab es aber schon. Ich mochte das Buch als Buch an sich (in meinem Fall: als Hörbuch), und nicht nur als Fundstelle für großartige Sätze und Einfälle die man sich in Neonfarben an die Wand pinseln wollen würde, wäre es nicht so depressionsfördernd und damit abratenswert. Während frühere Romane von ihr für mich als ganzes selten wirklich funktionierten, weil sie in ihrem, fast zur Karikatur erstarrenden Kulturpessimismus oft über das Ziel hinausschießen und ein und den selben Knopf im Leser so lange drücken bis dieser an selbiger Stelle schon fast taub geworden ist, hatte dieser einen Leim der schwer zu benennen ist. Vielleicht liegt es an der Zartheit die sich auf recht skurrile Manier manchmal ins Buch schleicht und das von Frau Berg so zelebrierte Dunkelschwarz gelegentlich auflöst, vielleicht aber auch ganz einfach daran, dass ich dieses eine Mal beim Lesen nicht meine eigene Stimme im Kopf hatte, sondern die von Gustav Peter Wöhler, der dieses Buch so fabelhaft liest, das ich verstehe dass es 2013 in der Kategorie ‘Bester Interpret’ ausgezeichnet wurde mit dem Deutschen Hörbuchpreis.

Masada

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by Charlötte Thoemmes

Masada

Wenn du dann stehst wo es still ist dass du

es merkst wenn das Denken aufhört und

das Hören anfängt wenn das Hören aufhört

und das Sehen anfängt wenn ein Vogel

fliegt wenn du als schwarzer Vogel gleitest

 und schreist wenn du zu sprechen ansetzt

in der klaren Luft und von nichts sprechen

kannst als dem Licht so als wäre es das erste

Licht wenn du einen Schatten auf den Fels

wirfst und sagst mein Schatten bleibt

und der Fels vergeht wenn für jetzt wahr ist

dass es gut ist den ganzen Einsatz zu wagen

kannst du die Wüste mit Namen nennen.

Daniela Danz (aus ‘Pontus’)

Hammershøi

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“Worunter wir leiden, ist das Gewicht der Dinge in der Leere”

Raoul Vaneigem

Vilhelm Hammershøi (15.05.1864 – 13. 02. 1926)

 

“Gestern habe ich zum erstenmal Hammershøi gesehen… ich bin sicher, je öfter man ihn sieht, desto deutlicher wird man ihn erkennen, und desto mehr wird man seine wesentliche Schlichtheit finden. Ich werde ihn wiedersehen, ohne mit ihm zu sprechen, denn er spricht nur Dänisch und versteht kaum Deutsch. Man fühlt, daß er nur malt und nichts anderes kann oder will.” 

Rainer Maria Rilke

 

ursprünglich gepostet auf  Die gerettete Zunge.